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Die aktuelle Rezension
(Januar 2011)

Jean Amila:
Auf Godot wartet keiner.

Saarbrücken: CONTE Verlag 2010,
194 Seiten
ISBN 978-3-941657-11-3


... alles andere aus der Krimiwelt
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" Wer gewinnt, bleibt übrig"




Mit Auf Godot wartet keiner (Sans attendre Godot, 1956), dass sich mit seinem Titel deutlich an Samuel Becketts berühmtes existenzialistisches Bühnenstück Warten auf Godot (En attendant Godot, 1952) anlehnt, hat der sich als Thrillerautor Jean Amila nennende Jean Meckert (1910 - 1995) das erste und einzige Serial unter seinen Büchern geschrieben. Vorausging der Roman Die Abreibung (La bonne tisane, 1955), in dem der Leser vom Tode des "Grafen" - René Lecomte - sowie den Nachfolgekämpfen um den damit verwaisten Thron des Chefs der Pariser Unterwelt erfuhr. Nur normal also, dass sich das "Helm S. Germer" nennende Übersetzerteam von der Mainzer Universität, das seit nunmehr bereits sechs Jahren in wechselnder Besetzung zusammen mit dem Saarbrücker CONTE Verlag das Werk des Série-noire-Autors Amila für deutsche Leser neu entdeckt und - passagenweise für meinen Geschmack etwas zu modern in der Wortwahl - übersetzt, mit dem vorliegenden Text zum ersten Mal an die Werkchronologie hält.

Schaut man genauer hin, erschöpft sich der Fortsetzungscharakter von Auf Godot wartet keiner allerdings im Wiederauftreten einer Reihe von Figuren, die man aus Die Abreibung schon kennt, allen voran des Grafen Nachfolger Riton Godot, die resolute Angèle Maine, die nach dem Tod Lecomtes nun die Geliebte Godots ist, und ein paar Gangster aus der zweiten Reihe. Ansonsten erzählt der neue Amila aber eine ganz eigenständige Geschichte, zu deren Verständnis die Kenntnis seines Vorgängers nicht unbedingt nötig ist.

Was jener freilich schon thematisierte, nämlich die zunehmende gegenseitige Durchdringung von bürgerlicher Welt und jener des Verbrechens, setzt dieser konsequent fort. Denn Godot, dem eigentlichen Boss der Kriminellenszene, der alle Fäden fest in seiner Hand haben sollte, entgleiten langsam die Geschäfte. Nichts als ein Papiertiger ist er noch, der sich und die Seinen in albernen Fehden mit der Konkurrenz aufreibt, während die wahren Gesetzlosen ihre dunklen Geschäfte aus den großen Villen am Pariser Stadtrand lenken, teure Anwälte für sich arbeiten lassen und praktisch unangreifbar sind.

Einem dieser Großkopferten, denen jedes Mittel zu ihrer Bereicherung recht ist, soll es nun aber doch ans Leder gehen. Rachegelüste haben Felix, den Ex-Mann von Maine und Vater der gemeinsamen Tochter Colette, nach Paris geführt. Er ist einem Versicherungsbetrug auf der Spur, der seiner zweiten Frau bei einem Kaufhausbrand das Leben kostete. Und weil er keinen Weg sieht, die skrupellosen Hintermänner vor Gericht zu bringen, erhofft er von der Gangsterbraut Angèle Waffenhilfe im Gedenken an die gemeinsame glückliche Vergangenheit. Als man am Ende dem scheinbar übermächtigen Gegner Auge in Auge gegenübersteht, erweist sich aber schnell, dass der Postbeamte Felix reichlich blauäugig und alles andere als ein Mann fürs Grobe ist.

Auf Godot wartet keiner ist mehr Komödie denn Tragödie. Das Verbrechen ist ehrbar geworden und wohnt längst in den Palästen der Herrschenden. Wer noch über kleine Armeen von Hütchenspielern, Langfingern und Revolverhelden gebietet, macht sich eher lächerlich. Der kann zwar weiterhin den einen oder anderen Rivalen hinterrücks ausknipsen lassen, aber während die Visionen der an den Schalthebeln der Gegenwart sitzenden Akteure mehr und mehr ins Globale zielen, endet seine Vorstellungskraft spätestens bei einer weiteren Kneipe im Pariser Amüsierviertel. Wie "gefürchtet" Männer der alten Schule in dieser Zeit noch sind, macht die romantische Verehrung des naiven Backfischs Colette für den Westentaschenpistolero Jo denn auch mehr als deutlich.


© 2011 by Dietmar Jacobsen/ Alle Rechte beim Autor


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